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Nie allein – das Gruppending / Shots und andere Kleine Genüsse

Nie allein – das Gruppending / Shots und andere Kleine Genüsse

Manches zwischen Himmel und Erde kann niemand wirklich erklären. Shots und andere kleine Genüsse liegen seit einigen Jahren im Trend. Im Nightlife sorgen sie für Umsatz, Gemeinschaftserlebnisse und gute Stimmung. Einiges spricht dafür, dass die neue Welle aus Süddeutschland kommt: Da werden sogar Extra-Bars aufgestellt, an denen ganz speziell die farbenfrohen Muntermacher verkauft werden. Was verspricht sich die Branche davon, wie ist diese Nachfrage entstanden? „Gerade für uns Frauen sind diese kleinen, gut duftenden und schmeckenden Drinks wunderbare Stimmungsaufheller an einem langen Ausgehabend“, erklärt Danielle Muller, Bartenderin im Raum Stuttgart, die mit den neuen Flavours von Kleiner Feigling gute Erfahrungen macht, „und genau so verkaufen wir das auch: als fruchtigen Side-Kick für gute Laune ohne viel Flüssigkeitsaufnahme; sozusagen das Sorbet am Dancefloor, nur viel sexier!“

Stefan Egger, Geschäftsführer des „PM“ in Untermeitingen, kann das bestätigen, sagt aber im gleichen Atemzug: „Mich wundert der Trend.“ Warum sich an den elf Theken seines gut laufenden Tanzpalasts ganze Gruppen einfinden, die für 2,50 Euro den schnellen Schuss ordern, während es doch einen viel größeren Longdrink für nur einen Euro mehr gibt, ist ihm ein Rätsel. Sechs, acht Gäste bestellen ganze Tabletts, prosten sich zu, dann folgt die nächste Runde. Egger stutzt kurz, überlegt und hat dann doch eine Erklärung parat: „Das sind Geselligkeitsdrinks.“ Ganz weit oben auf der Hitliste steht seit drei Jahren der Jostabeerenlikör Ficken. Vor allem die Damen würden auf ihn „total“ abfahren. Platz zwei hält Dos Mas mit der Variante Pink inne – ebenfalls ein Renner bei den Girls. „Alle Mädels stehen auf pink“, ist Egger überzeugt. Der Zimttequila von Zapata folgt an Nummer drei vor Jägermeister, Wodka-Porno – einem Mix mit Ahoj Brause und dem Kleinen Feigling, vornehmlich in der Version Coco Biscuit.

Im südlichen Südwesten der Republik, im „TOP10“ in Balingen, ist das kaum anders. Dort hat Inhaber Dirk Bamberger vor Jahren sogar schon eine spezielle Shotbar eingerichtet. „Die Theke läuft immer noch gut“, sagt er, „im TOP10 in Tübingen haben wir mittlerweile auch eine gebaut.“ Vor fünf, sechs Jahren habe der Trend begonnen – damals von Zimttequila und Wodka-Brause eingeleitet. Inzwischen machen andere Sorten den Umsatz. Wodka-Melone von Drink Forest, Sourz Apple, Dos Mas Zimt und Wodka pur liegen vorn. Spitzenreiter sind allerdings zwei frisch gemixte Shots im 4-cl-Glas: Fruchtzwerg und Apfelstrudel, die für 3,90 Euro über den Tresen gehen. 50 verschiedene Sorten werden in Balingen angeboten. Dazu gibt es Animation und kleine Spielchen mit den Gästen. Kommunikation und Gruppengefühl scheinen den Trend auszumachen. „Einen Shot trinkt man nicht allein“, weiß Bamberger.

Weiter östlich nahe der tschechischen Grenze macht Philipp Lang im „MIA“ in Cham ähnliche Erfahrungen. Kurze sind der Renner. „Neben den Klassikern wie Tequila, Sambuca, Jägermeister und Wodka-Ahoj ist der Ficken-Partyschnaps sehr angesagt“, erklärt der Gastronom.

Aber auch weiter nördlich berichten Betreiber vom Absatzwachstum im Segment. Marcel Zerres, F & B-Manager in der Düsseldorfer „Nachtresidenz“, bestätigt das. „Auf jeden Fall“, sagt er, „die Klassiker laufen gut, und es kommen viele neue Sachen auf den Markt.“ In dem angesagten Hotspot sind vor allem Jägermeister, Lagonda Sambuca, Frangelico und Sauza Tequila angesagt.

In Deutschlands Top-Betrieb, im Schüttorfer „Index“, ist das nicht anders. „Noch mehr Sauza Tequila und Sourz Apple, Black Currant und Mango“, verrät Inhaber Holger Bösch. Auch Romana Sambuca verkaufe sich immer noch gut, und seit Tap-Maschinen im Einsatz sind, zieht Jägermeister an. „Was viel läuft“, so der versierte und erfahrene Gastronom, „sind Smirnoff Wodka-Shots mit Eis und Zitronenscheibe.“ Angeboten werden die schnellen Schüsse für 2,50 Euro an allen 24 Bars.

Vor den Toren Hamburg, im Trittauer „Fun-Parc“, stellt Inhaber Knut Walsleben keine großen Veränderungen im Shotbereich fest. Vor vier, fünf Jahren sei ein Sprung nach oben erfolgt, der sich seitdem gefestigt habe. Der Ficken Likör mache gute Umsätze, Tequila habe nachgelassen. Jägermeister, Zimttequila und Oldesloer Fruchtkorn füllen die Lücke. Erdbeerlimes – in den 90ern national gefragt – „trinkt heute kein Mensch mehr“, so Walsleben.

Mancher Spirituosenprofi dürfte inzwischen mehrfach die Nase gerümpft haben. Haben die befragten Gastronomen nicht etwa völlig verschiedene Getränke in einen Topf geworfen? Müssen Miniflaschen, Kurze, die aus der Großflasche frisch eingeschenkt werden, gemixte Minicocktails mit 4 bis 6 cl und erlesene Spirituosen, die pur auf Eis oder aus der Tap-Maschine kredenzt werden, nicht unterschiedlich betrachtet werden? Am grünen Tisch ja, auf der grünen Wiese bzw. im echten Leben schert sich der Gast kein bisschen um Grenzziehungen zwischen einzelnen Segmenten. Er bestellt, was gefällt.

Die Macher des Kleinen Feiglings, die Waldemar Behn GmbH aus Eckernförde, wollte das genauer wissen, schaltete einschlägige Agenturen ein und untersuchte das Phänomen. Das Resultat: Shots legen allgemein zu. In Discotheken und Clubs liegt der Fokus vor allem auf kleinen Gläsern und nicht auf Miniflaschen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regeln. Stefan Egger vom Untermeitinger „PM“ macht die Erfahrung, dass seine Gäste lieber zur Kleinflasche greifen. „Klopfen, aufschrauben, trinken“, sagt er. Der Ausschank gehe schneller als mit Gläsern, und hygienischer sei er auch. Philipp Lang aus dem Bayrischen Wald stimmt ihm zu. Das einfache Handling mache 0,02-l-Fläschchen so beliebt. „Gerne werden diese auch von Gruppen im komfortablen 20er-Karton genommen.“

Ein Ende des Trends zu Shots und Artverwandten ist nicht abzusehen. Immer mehr Marken und Sorten stürmen den Markt. Ein Zeichen, dass gruppendynamische Prozesse im Nightlife das Trinkverhalten mitbestimmen. Gemeinschaft und Geselligkeit scheinen auch im Zeitalter von Internet, Sozial-Network und Ohrstöpseln dann doch wieder die Oberhand zu gewinnen, wenn es darum geht, in der Freizeit echte Erlebnisse zu erzielen.

Text: Klaus Niester